Baukultur

Der Wächter über dem Haus – Blick in Jena´s Gründerzeitviertel

von 25. März 2020 No Comments

Der gewohnte Blick lenkt ab. Zum Beispiel von ganz wunderbaren Details, wie den Löwen im Damenviertel von Jena. Ein kleiner Spaziergang führt uns mitten hindurch und öffnet unseren Blick für die verschieden gestalteten Eingangsbereiche. Tag für Tag eilen wir an ihnen vorbei, heute schenken wir ihnen besonders viel Beachtung und tauchen dabei ein Stück weit auch ein in die Geschichte der Gründerzeit.

Stilsicher waren sie, die vielen Architekten, die ab etwa 1848 bis 1914 die sogenannte Gründerzeit mit dekorativen Bauwerken prägten. In weiten Teilen Europas gab es ein rapides Bevölkerungswachstum zu verzeichnen und so erlebten viele europäische Städte einen regelrechten Bauboom. Ganze Viertel wurden von privaten Unternehmern neu errichtet. So auch das Damenviertel in Jena – ein ungemein charmantes wie gut erhaltenes Beispiel dieser Zeit.

Besonders auffällig dabei: die Hauseingänge.

Nun ist es nicht ganz unwichtig zu wissen, wie die Gesamtsituation im Deutschen Reich des 19. Jahrhunderts war. Denn mit der Gründerzeit ist im Wesentlichen eine prägende Phase der deutschen Wirtschaftsgeschichte bezeichnet. Die Industrialisierung begann Formen anzunehmen und für großes Wachstum und stetig steigenden Wohlstand zu sorgen. Und in dem sicheren Wissen, wie wichtig der erste Eindruck eines Bauwerkes ist, war es den Bauherren jener Zeit ein besonderes Anliegen, die Eingangsbereiche aufwendig zu dekorieren, um den neu erworbenen Wohlstand Ausdruck zu verleihen.

Wer etwas auf sich hielt, platzierte einen Löwenkopf am Eingang.

Der Löwe galt schon damals als „der König der Tiere“ und symbolisiert seit jeher Stärke und Macht. Durch seine kostspielige Herstellung konnte sich nur wohlhabende Bürger dieser Zeit einen solchen Löwenkopf leisten. Um dem ganzen Unterfangen aber auch eine weitere Bedeutung zu verleihen, galt der Löwe – getreu seiner Wahrnehmung im chinesischen Tierreich – auch als Sicherheit gebender Wächter und Beschützer des Hauses und seiner Bewohner.

So ein Spaziergang durch das Damenviertel von Jena ist auch deshalb etwas besonders Empfehlenswertes, weil es selten ist, dass ganze Viertel jener Zeit noch nahezu vollständig zu erleben sind, denn viele Gründerzeitviertel in Deutschland fielen den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs zum Opfer.  Und doch, hier und da gibt es sie noch in vielen mitteleuropäischen Städten zu bestaunen, die zahlreiche Wohnbauten dieser spannenden Epoche, die oftmals ganze Straßenzüge oder gar Stadtviertel umfassen.

Katrin Hitziggrad

Author Katrin Hitziggrad

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