Baukultur

Revitalisierung und Transformation einer Architekturikone in Apolda

von 9. Oktober 2019 Dezember 5th, 2019 No Comments

Wer die letzten 26 Jahre durch die Auenstraße in Apolda ging, hat verlassene, fast vergessene und absolut unterschätze Fabrikhallen wahrgenommen. Der sogenannte „Eiermannbau“, welcher 1938/1939 nach den Plänen des Architekten Egon Eiermann errichtet wurde, drohte zu verfallen.  Mit der Stilllegung der Fabrik im Jahre 1993, war das imposante Fabrikensemble sich selbst überlassen. Vergessen wurde es jedoch nicht, denn bis heute ist der „Eiermannbau“ ein starker Begriff, der  in den Köpfen der Apoldaer und verschiedener Architekturliebhaber einen festen Platz zu haben scheint.  Begeben wir uns auf Spurensuche.

Egon Eiermann wurde am 29.09.1904 in Neuendorf geboren und war ein großartiger deutscher Architekt, Möbeldesigner und Gelehrter an verschiedenen Hochschulen. Das Multitalent gilt heute als einer der bedeutendsten deutschen Architekten der Nachkriegsmoderne. Bevor sich Eiermann ab 1938 den Industriebauten zugewandte, entwarf er ab 1931 zunächst diverse Wohnhäuser in Berlin und Umgebung.

Ein weiteres sehr bekanntes Gebäudeensemble ist das „Ausweichkrankenhaus“ in Beelitz-Heilstätten, welches heute unter den Urban-Explorern eine sehr begehrte Location darstellt. Nicht nur als Architekt war Eiermann geschätzt, auch im Möbeldesign hat er nachhaltig eine Design-Generation geprägt. Eiermann war der erste, der in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg (1948/1949) Serienmöbel entwickelte, die internationalen Maßstäben in Sachen Form und Funktionalität standhielten.

Zu seinen wegweisenden Entwürfen zählen unter anderem der Stahlrohrstuhl aus dem Jahr 1951; der Korbsessel, entworfen 1952; der Holzklappstuhl aus dem Jahr 1953 und der Kirchenstuhl SE 121, welcher sich 1960/1961 angeschlossen hat. Viele der Designerstücke von Egon Eiermann sind heute noch erhältlich.

Von dem geachteten Architekten und Designer stehen heute mehr als 30 Bauten in Deutschland unter Denkmalschutz – so auch der „Eiermannbau“ in Apolda. Um die Erhaltung und Revitalisierung dieser Fabrik zu gewährleisten, entstand die Idee, die Fabrik für Industrie und Kultur zu nutzen. Der Verein „Freunde des Eiermann-Bau Apolda e.V.“, welcher 1999 gegründet wurde,  entwickelte hierzu ein umfangreiches Nutzungskonzept  unter Bezugnahme des kreativen und freigeistigen Knowhows der Stadt Apolda.

Der Anfang   für eine kreative Umnutzung ist gemacht. Im Mai 2018 hat die „Internationale Bauausstellung Thüringen“ (IBA), ihre Hauptgeschäftsstelle in diesem Fabrikgebäude eingerichtet. So wurde der „Eiermannbau“ in den letzten Monaten bereits in einen großen Ausstellungsraum, verschiedene Werkstätten, ein Hotel oder in einen Radiosender verwandelt und das alles: temporär. Das Ziel der „IBA Thüringen“ ist es, aus dem „Eiermannbau“ die „Open Factory“, einen kreativen und innovativen Hotspot in Apolda, zu entwickeln. Die Räumlichkeiten sind perfekt um groß, frei und anders zu denken und zu arbeiten. Die großzügigen Glasfenster fluten das Innere mit Tageslicht, der ehemalige Speisesaal im dritten Obergeschoss führt auf eine wunderschöne Dachterrasse, von der aus man direkt auf die Aue blickt, und die ehemaligen Produktionsflächen können schon bald als Künstlerateliers genutzt werden.

Die „IBA Thüringen“ treibt eine nachhaltige Standortentwicklung voran, hierbei entwickeln die Teams bis 2023 verschiedene Projekte innerhalb Thüringens. Die Vielzahl der Projekte, welche von Gera, über Apolda, das Schwarzatal bis nach Nordhausen reichen, zeigte die IBA –Thüringen in der Zwischenpräsentation „STADT.LAND“ bis Ende September 2019. Die nächsten vier Jahre werden die 25 IBA-Standorte in Thüringen mit dem Ziel weiterentwickelt, nach der Endpräsentation 2023 auf eigenen Beinen stehen zu können.

Wir sind begeistert, welches kreative Potenzial in unserem Freistaat schlummert. Die Abschlusspräsentationen werden wir uns auf keinen Fall entgehen lassen.

 

 

 

 

 

 

 

Katrin Hitziggrad

Author Katrin Hitziggrad

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