Baukultur

„Manchmal ist schon alles weg“ – Interview mit Martin Maleschka

von 1. Oktober 2019 Dezember 10th, 2019 No Comments

Am 18. April 2019 waren wir zur Buchpräsentation „Baubezogene Kunst der DDR“ von Architekt und Fotograf Martin Maleschka, im Erfurter Speicher, zu Gast. Das Thema der baubezogenen Kunst ist, gerade für uns als Agentur mit Schwerpunkt auf Immobilien uns Architektur, sehr spannend und inspirierend. So haben wir uns mehr und mehr mit Maleschka als Persönlichkeit und seiner Faszination für Ostmoderne beschäftigt und ihn im Sommer 2019 zu einem Interview getroffen.

Das Thema der baubezogenen Kunst betrifft fast alle Städte der neuen Bundesländer. In vielen von ihnen kam es durch Abbrucharbeiten nach der Wiedervereinigung zu schmerzlichen Verlusten von besonderen DDR-Kunstwerken. Unabhängig von Wirtschaftlichkeit, Stadtentwicklung oder Bewohnerzufriedenheit, sehen sich jedoch besonders die baulichen Relikte der ehemaligen DDR seit der Wiedervereinigung Abriss und Zweifel ausgesetzt. Diese werden mit der Herrschaft des SED-Regimes gleichgesetzt, gelten als veraltet und marode und stehen für die gescheiterten Utopien der sozialistischen Moderne. In den letzten Jahren ist jedoch eine Veränderung der Wahrnehmung zu beobachten. Eine Rückbesinnung auf deren soziale Qualitäten und Werte, den baukünstlerischen Anspruch in Form und Materialität sowie den hohen Zeugniswert für die vergangene Epoche ist zu beobachten. Während der Architektur des Wiederaufbaues sowie den Bauten im sozialistischen Neoklassizismus der frühen 1950er-Jahre, denen schon seit längerer Zeit entsprechende Bedeutung beigemessen wird, stehen nun besonders die Bauten der späteren Zeit im Fokus. Diese Epoche, welche unter dem Begriff der „Ostmoderne“ zusammengefasst wird, bezieht sich auf die baulichen Leistungen der DDR der späten 1950er-1980er Jahre. Architektur und Städtebau dieser Epoche waren den Ideen der Klassischen Moderne verpflichtet, welche hierzulande maßgeblich durch das Staatliche Bauhaus entwickelt wurden. Entsprechend den Kriterien von Funktionalität, Typisierung und zweckgemäßer Gestaltung, sollte für den Menschen und seine Bedürfnisse gebaut werden. Der DDR gelang es hierbei trotz materieller und finanzieller Not beachtliche Ergebnisse in Städte- und Wohnungsbau zu erzielen.

Einer der dieser Baukunst mit viel Herzblut gegenübertritt, ist Martin Maleschka. Er ist selbst in einer sozialistischen Planstadt, in Eisenhüttenstadt, aufgewachsen. Während seiner Kindheit hat er diese Form der Kunst, welche in Eisenhüttenstadt reichlich zu finden war, nicht als besonders wahrgenommen. Martin Maleschka machte sich während und nach seinem Architekturstudium an der TU Cottbus auf die Suche nach der Ästhetik der „Ostmoderne“. Mit einem Abstand von mehreren Jahren ist der Erhalt der baugezogenen Kunst für ihn sehr wichtig worden. Doch wie erhält man diese Kunst? Martin Maleschka tritt oft direkt mit der Denkmalschutzbehörde in Kontakt. Als Ergebnis werden nicht selten derartige Schmuckstücke auf die Liste für Denkmalschutz gestellt. Es liegt im Kern der Sache, neben der Kunst, auch den Erhalt und die Inwertsetzung der dazugehörigen Gebäude zu fördern.

„Social Media ist derzeit sehr wichtig für den Erhalt der Arbeiten“ sagt Martin Maleschka Er erhält über Facebook und Instagram Tipps zu Kunstwerken, welche er noch nicht archiviert hat. Maleschka muss schnell handeln, denn oft sind es Objekte, die saniert, modernisiert oder gar rückgebaut werden sollen; nicht selten kommt er vor Ort an und es gibt nichts mehr zu sehen. Ein WDVS Fassade „verschönert“ dann die Optik des Hauses und das darunter schlummernde, schützenswerte Kunstwerk. Es sind die Kinder der späten Achtziger Jahre, die für den Erhalt der ostmodernen Kunst kämpft und die Arbeiten aus einer anderen Perspektive betrachtet. Die Kunst als neuer Zugang zur DDR und zugleich als identitätsstiftende Werke, welche die verschiedenen Wohngebiete prägen.

Das Archivieren der baubezogenen Kunstwerke setzt Martin Maleschka in erster Linie mit seiner Kamera um. Er entwickelte einen Blick für das Selbstverständliche und gleichzeitig Vergessene. Der dabei entstehende fotografische Stil schafft es, sowohl die Sachlichkeit und Qualität des umbauten Raumes als auch dessen besondere Stimmung und ungeschönte Charakteristik wiederzugeben. Er bewegt sich hierbei von der Supertotalen für den städtebaulichen Zusammenhang bis zur Detailaufnahme für künstlerische Gestaltungen und Strukturen.

Katrin Hitziggrad, Redakteurin vom MAgaZIN für Architektur, Immobilien und Lifestyle, hat Martin Maleschka im Sommer zu einem Interview getroffen.

  1. In Ihrer Ausstellung im Speicher in Erfurt präsentierten Sie sowohl Ihr neues Buch als auch einen Teil Ihrer Fotoarbeiten. Wie lange haben Sie an Ihrem Buch gearbeitet?

Martin Maleschka: „Insgesamt muss man sagen, dass ich seit etwa 15 Jahren auf der Suche nach architekturbezogener Kunst aus der DDR bin. Wenn man es dann allerdings allein auf das Buch runterbricht, sind es zwei Jahre. Ursprünglich war die Veröffentlichung für Ende 2017 geplant. Doch aus all dem angesammelten Material dann final 120 Werke für das Buch auszuwählen, nahm enorm viel Zeit in Anspruch. Der zeitliche Verzug ist zum Teil auch durch die unzureichende und unbefriedigende Informationsdichte entstanden. Wenn ich ganz spezielle Werke dabeihaben wollte, die schon zu DDR-Zeiten schlecht dokumentiert wurden, war es schwer. Und um auf die zu meiner Buchpräsentation begleitende Ausstellung in Erfurt zu sprechen zu kommen: da habe ich dann dahingehend selektiert, um als Mehrwert Kunstwerke zu zeigen, die nicht im Buch vorgestellt werden. Schätzungsweise 20 bis 25 Fotografien sind zu sehen.“

  1. Sie sind studierter Architekt und haben meines Wissens nach mit „sehr gut“ abgeschlossen. Viele Architekten zieht es in die Weltmetropolen. Was fasziniert Sie an der DDR-Kunst?

Martin Maleschka: „Ja, das stimmt. Mein erstes Abitur war mies, mein zweites Abitur war mäßig, aber das anschließende Architekturstudium (2003 bis 2013) war umso besser. Obwohl ich an einer technischen Universität studiert habe, wurde ich nie in meiner Fantasie und Kreativität gebremst – das hat mir sehr geholfen. Mein Büropraktikum 2007/2008 habe ich in Rotterdam, einer der – aus architektonischer Sicht – boomenden Städte machen können, im Büro bei Rem Koolhaas / Office for Metropolitan Architecture. Ich habe viele positive Erfahrungen gemacht und war von der modernen Architektur verzaubert. Dennoch bin ich nach dem Praktikum in die „heimische“ Umgebung zurückgekehrt und habe schnell bemerkt, dass mir die DDR-Moderne schlichtweg eine Herzensangelegenheit war bzw. immer noch ist. Mich fasziniert die klare Kubatur, die geordnete Struktur, die hohe Funktionalität bei gleichzeitiger Robust- und Rauheit der Gebäude. Darüber hinaus sind Werke der baugebundenen Kunst schmückende und die vielfach beklagte „Monotonie“ brechende Elemente, die dann in den unterschiedlichsten Formen und Materialien an zumeist prominenten Stellen im oder am Gebäude in Erscheinung treten.“

  1. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Kunstwerke stets auch einen Bezug zum öffentlichen Raum herstellen, oder?

Martin Maleschka: „Wie der Sammelbegriff „baubezogene Kunst“ ausdrückt, geht es nicht nur um Werke, die konkret am Bauwerk dauerhaft angebracht sind, sondern eben auch um „komplexe Umweltgestaltung“, beispielsweise in völlig angelegten Wohngebieten der DDR. Bronzeskulpturen, Spielplastiken, Stelen, Denkmäler, Betondurchbruchwände und Wasserspiele sind einige Beispiele für Kunst im öffentlichen Raum.“

  1. Neben der baubezogene Kunst der DDR beschäftigen Sie sich ebenso mit den Plattenbauten verschiedener Städte. Haben Sie selbst eine unmittelbare Verbindung zum Plattenbau?

Martin Maleschka: „Die habe ich gewiss: Seitdem ich denken kann, habe ich stets in Wohnungen in Großtafelbauweise gelebt. In meiner Heimatstadt und in Cottbus. Vor etwa vier Jahren erst bin ich in eine Altbauwohnung am „Cottbusser Staatstheater“ gezogen. Sowohl in meiner Freizeit als auch für meine berufliche Tätigkeit bin ich dennoch immer wieder in den verschiedensten Neubaugebieten unterwegs. Mich interessiert dabei aber nicht nur das bau- und baukünstlerische, sondern mehr und mehr auch das soziale Mit- und Untereinander. Das reicht dann mitunter von faszinierend bis zu schockierenden Erkenntnissen.“

  1. In der Thematik des Plattenbaus haben Sie verschiedene Länder bereist, welche Plattenbauten haben Sie am meisten beeindruckt? Haben Sie auch verrückte Wohnlösungen (Gebäudestruktur, Wohnungen etc.) gesehen?

Martin Maleschka: „In jedem Fall. Und ich muss gleich dazu sagen, dass nicht nur Länder, die vom Sozialismus geprägt wurden, diese Neubaugebiete haben. Paris, Oslo, West-Berlin, München, Hamburg und Wolfsburg sind nur einige Städte, die ebenso großen Wohnsiedlungen in dieser Zeit errichteten und die ich ebenfalls besuchte. Dennoch muss ich sagen, dass mich die Trabantenstädte in den Balkanstaaten der ehemaligen Sowjetunion mehr berühren. Im ukrainischen Kiew oder im weißrussischen Minsk gibt es beispielsweise herrliche Sonderbauformen im Wohnungsbauwesen. Budapest, Belgrad oder Warschau wurden nicht so sehr mit Mosaiken, Wandbildern oder Strukturelementen in Beton geziert wie Moskau, Almaty, Kiew, Berlin-Ost oder andere Städte der damaligen DDR.“

  1. Jeder, der im Plattenbau aufgewachsen ist kennt die Spieltiere, Brunnen, etc. Hat man in der DDR mehr Wert auf die die Außenanlagen bzw. Aufenthaltsqualität gelegt?

Martin Maleschka: „Ja, das hat man mit Gewissheit gemacht. Die Baupolitik der DDR sah vor, jedem neuen Bauvorhaben mit einem gewissen Prozentsatz für baukünstlerische Tätigkeiten auszustatten. Das galt zur Gründung der DDR zunächst nur für Einzelbauwerke, wurde dann aber auf die baulich neu entstehenden Gebiete ausgeweitet. Jeder, der in Neubaugebieten aufgewachsen ist, erinnert sich doch gern an die Innenhöfe mit ihren Klettergerüsten oder oder die manchmal sehr seltsamen Gebilde. In meinem Wohnkomplex in Eisenhüttenstadt gab es den sogenannten „Eierhof“. Ein Hof, in dem drei überlebensgroße Eier installiert wurden. Man konnte auf ihnen klettern, in sie hineinkriechen oder sich in ihnen verstecken. Diese Eier waren in der Form absolut einzigartig und wurden mit den Abbrucharbeiten in den Nullerjahren leider zerstört.“

  1. Was meinen Sie, brauch es heute wieder eine Festschreibung für die Umsetzung von baubezogener Kunst? Worin liegt der Mehrwert dieser Kunstform?

Martin Maleschka: „Ja, das braucht es mit Sicherheit. Schön ist, dass es mit Beginn des Jahres 2019 zum Teil bereits gesetzlich festgesetzt wurde – allerdings zunächst nur an Bundesneubauten. Ich wünsche mir, durch mehr Kunst im öffentlichen Raum wandern zu können, eben genau dort, wo es allen Bewohnern der Stadt möglich ist. Mittlerweile sind 40 bis 50 Jahre nach der Errichtung oder Erschaffung vergangen, das eine oder andere Wandbild bekommt Risse, verblasst oder Teile blättern ab. Plastiken, Metallgestaltungen und baugebundene Keramiken haben vielleicht schon zu viel Patina und bedürften einer Reinigung. Die Kunst ist der Mehrwert in, an und um die Gebäude herum. In Wohngebieten ist sie der abwechselnde Faktor, gerade in den Neubaugebieten der DDR und der BRD. Fehlt sie, fehlt etwas Essentielles.“

  1. 30 Jahre nach der Wende – Die DDR ist eine Zeit effizienter Grundrisse, kleiner Kinderzimmer, innenliegender Bäder. Gab es in der Zeit eine Weiterentwicklung?

Martin Maleschka: „Das ist für mich ein zeittypisches und logisches Phänomen. Mit dem erneut aufkommenden Problem von unzureichendem Wohnraumangebot in Städten und Ballungsgebieten (rück)besinnt man sich auf bereits Vorhandenes; dem kostengünstigen, effizienten, sozialen Wohnungsbau. Schaut man auf die Grundrisskonstellation verschiedener Wohnbaureihen und Wohnbautypen der DDR, so gilt es meiner Meinung nach, diese an die heutigen Bedürfnisse anzupassen bzw. zu optimieren. Ein innenliegendes Bad, wie man es zum Beispiel im Typ „P2“ hatte, ist kein Todesurteil für die Attraktivität und Funktionalität einer Wohnung.“

  1. Was meinen Sie, warum hat die Platte oft ein negatives Image? Modulare Bauweisen sind gerade in Ballungsräumen wieder aktuell. War die Platte Vorreiter für aktuelle Bauweisen?  

Martin Maleschka: „Das war sie. Vordenker der ‚Platte‘ war die Philosophie des Bauhauses.“

Katrin Hitziggrad

Author Katrin Hitziggrad

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